10.09. 2010
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Sprachstil: Der Superlativ

Text: Redaktion sprache-kompakt

Der Superlativ ist das Lieblingskind der Werbung. Er markiert die äußerste Grenze des Wissbaren oder Machbaren und da offensichtlich jeder der Meinung ist, im Besitz des absoluten Wissens zu sein, greift der Superlativ wie ein Geschwür um sich. Er drängt sich längst nicht mehr nur in Werbebotschaften auf, sondern überschwemmt geradezu die alltägliche Kommunikation und selbst Nachrichtensendungen bedienen sich seiner zuweilen, um ihre Informationen an den Mann zu bringen.

Übertreibung in der Werbung
In der bunt schillernden Werbewelt muss man mehr auffallen als die Konkurrenz, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Da kann man ansatzweise die Texter verstehen, die aus Mangel an Kreativität die beworbenen Produkte mit Hilfe des Superlativs wie ein Marktschreier an den Mann zu bringen versuchen und dabei wahrhaft tollkühne Sprachgebilde produzieren. Es gibt kein "weißestes Weiß" - es sei denn, der dumme Waschmittelkonsument hat sich zuvor grau für weiß vormachen lassen. Und wenn künftig wie beim "teuersten Film aller Zeiten" die Produktionskosten als Qualitätsmerkmal für einen guten Kinofilm herhalten, dann hätte, bei entsprechendem finanziellen Engagement, selbst Chuck Norris eine echte Chance auf einen Oscar.

Die Wichtigkeit des Unwichtigen
Erwartet man in der Werbung noch schamlose Übertreibungen so ist es doch sehr bedenklich, wenn auch immer mehr Reportagen und sogar Nachrichtsendungen ihre Inhalte über den Superlativ wie saueres Bier anpreisen müssen. Ein Entwicklungsland, über das berichtet wird, gehört in der Regel zu den "ärmsten Ländern der Erde", ein Krankheitserreger ist "der gefährlichste" und, je nach Niveau der Sendung, auch schon mal der "tödlichste", wobei zu fragen wäre, was in aller Welt "tödlicher" sein kann als der Tod.

Wer die deutschen Autofahrer als "die rücksichtslosesten Europas" bezeichnet, kann auch in der Nachbarin "die schwangerste Frau" erkennen, die er je gesehen hat. "Rücksichtslos" bezeichnet die vollkommene, totale, absolute Abwesenheit von Rücksicht - das lässt sich auch mit noch so viel gutem Willen nicht mehr steigern, es sei denn, man will sich wichtig machen. Und wer das World Trade Center für einen der höchsten Wolkenkratzer der Erde hält, war offensichtlich schon länger nicht mehr in New York.

Stilmittel der Hilflosen
Der inflationäre Gebrauch des Superlativs deutet darauf hin, dass mit ihm weniger die Grenzen des tatsächlichen Wissens aufgezeigt werden, als vielmehr der beschränkte Erfahrungshorizont dessen, der ihn benutzt. Gerade weil der Superlativ die Grenzen der eigenen Erfahrung markiert, sollte man ihn wohlüberlegt einsetzen. Bei jemanden, der sich nicht auskennt, kann man mit ihm Eindruck schinden. Doch vor demjeningen, der es besser weiß, lässt man die Hosen gnadenlos herunter. Dieser erkennt sofort das Wissensspektrum seines Gegenübers und zieht daraus seine Schlüsse, wie er den Aussageinhalt künftiger Kommentare zu bewerten hat. Der Superlativ ist das Stilmittel der Hilflosen, die sich krampfhaft an ihn aus Mangel an rhetorischer Schulung oder semantischer Alternativen wie an einen Strohhalm klammern, um ihrer dürftigen argumentativen Kompetenz ein wenig Bedeutung zu verleihen.

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